Wenn Mitarbeiter Verträge mit frei verfügbaren KI-Tools erzeugen, entsteht ein Risiko, das erst Monate später sichtbar wird. Welche Vertragsarten besonders betroffen sind und wie sich Leitplanken einziehen lassen, ohne die Arbeit auszubremsen.
Wie Schatten-KI im Unternehmen entsteht
Der typische Ablauf sieht so aus. Ein Vertriebsmitarbeiter braucht kurzfristig einen Händlervertrag für einen neuen Partner in Spanien. Legal ist im Quartalsende gebunden, die Antwort dauert. Im Ordner liegt eine Version von 2022, die jemand anders für einen anderen Fall angepasst hat. Also öffnet er ein KI-Tool, beschreibt die Situation und bekommt in zwei Minuten einen Vertrag, der professionell aussieht.
Gegenüber der Fassung aus dem Ordner hat sich vor allem die Qualität der Tarnung geändert. Ein zusammenkopierter Altvertrag fällt beim Durchlesen auf, weil Formatierung, Nummerierung und Sprachstil springen. Ein KI-erzeugter Vertrag liest sich durchgehend sauber. Er wirkt geprüft, obwohl er es nicht ist.
Die Vertragsarten, bei denen es wirklich weh tut
Nicht jeder Vertrag trägt dasselbe Risiko. Kritisch wird es dort, wo eine einzelne Klausel eine lange Nachwirkung hat und der Fehler erst sichtbar wird, wenn es zu spät ist, ihn zu korrigieren.
Vertriebs- und Handelsvertreterverträge. Der Klassiker ist der Ausgleichsanspruch nach § 89b HGB. Ob und in welcher Höhe er entsteht, hängt an der Ausgestaltung des Vertrags, und die Rechnung kommt Jahre später bei der Beendigung. Dazu kommen Gebietsschutz, Preisbindung und Wettbewerbsverbote, bei denen kartellrechtliche Grenzen laufen. Ein Modell formuliert eine Preisbindungsklausel völlig widerspruchsfrei, auch wenn sie unzulässig ist.
Einkaufs- und Rahmenlieferverträge. Hier geht es um Haftung, Gewährleistung, Vertragsstrafen und Eigentumsvorbehalt. Kritisch ist vor allem die Frage, wessen AGB gelten. Wer sein Einkaufsdokument frei erzeugen lässt, verliert die Abwehrklausel, die das Haus seit Jahren verwendet, und merkt es erst im Schadensfall. Bei Lieferantenbeziehungen kommen je nach Unternehmensgröße Sorgfaltspflichten in der Lieferkette hinzu, die vertraglich weitergegeben werden müssen.
Werk- und Dienstverträge mit Freelancern. Falsch formulierte Weisungsrechte, Arbeitszeitregelungen und Eingliederungsklauseln führen zur Scheinselbstständigkeit. Die Folgen sind Beitragsnachforderungen mit Säumniszuschlägen, rückwirkend über Jahre. Ein Sprachmodell kennt die Abgrenzungskriterien, gewichtet sie aber nicht nach der Prüfpraxis der Rentenversicherung.
Auftragsverarbeitungsverträge. Art. 28 DSGVO gibt einen Pflichtkatalog vor. Eine KI-erzeugte Fassung enthält meistens alle Stichworte und trotzdem nicht die Regelungen, die die eigene Datenschutzorganisation abbilden: technische und organisatorische Maßnahmen, Unterauftragsverhältnisse, Drittlandtransfers. Diese Verträge werden bei der ersten Aufsichtsprüfung gelesen.
Arbeitsverträge. Befristungen ohne Sachgrund scheitern an Formfehlern. Eine Befristungsabrede muss vor Arbeitsantritt schriftlich vorliegen, und eine im Chat erzeugte Fassung, die per Mail wandert, erfüllt diese Anforderung nicht. Aus dem befristeten wird ein unbefristetes Arbeitsverhältnis.
Absichtserklärungen und Term Sheets. Der gefährlichste Fall, weil er unscheinbar wirkt. Ein LOI soll unverbindlich sein. Ob er es ist, entscheidet die Formulierung. Eine KI, die auf „verbindliche Eckpunkte” angesetzt wird, produziert bereitwillig einen Text mit Bindungswirkung, den niemand als Vertragsschluss gelesen hat.
Was diese Fälle verbindet: Der Fehler ist im Moment der Unterschrift unsichtbar. Er zeigt sich bei der Kündigung, bei der Betriebsprüfung, bei der Aufsichtsanfrage oder im Prozess.
Warum Verbote nicht funktionieren
Die naheliegende Reaktion ist eine Richtlinie, die den Einsatz externer KI-Tools für Vertragsdokumente untersagt. Solche Richtlinien gibt es inzwischen in vielen Unternehmen. Sie ändern am Verhalten wenig.
Der Grund ist einfach. Die Richtlinie beseitigt den Zeitdruck nicht, der das Verhalten auslöst. Sie beseitigt auch nicht die Lücke im Vorlagenbestand. Wer unter Termindruck steht und keine Vorlage findet, wird einen Weg nehmen, und das Verbot sorgt nur dafür, dass er darüber nicht mehr spricht. Aus sichtbarem wird unsichtbares Risiko.
Hinzu kommt, dass die Richtlinie den berechtigten Kern des Verhaltens bestraft. Der Kollege wollte schneller arbeiten. Das ist der richtige Impuls.
Der bequeme Weg muss der richtige Weg sein
Wirksam ist nur eines: Der freigegebene Weg muss schneller sein als der Umweg.
Für die kritischen Vertragsarten heißt das eine Vorlage mit hinterlegter Logik. Die Klauseln stehen fest und sind von Legal freigegeben. Der Fragenkatalog bildet die Entscheidungen ab, die im konkreten Fall zu treffen sind, und die Bedingungen dahinter sorgen dafür, dass bestimmte Kombinationen gar nicht erst entstehen. Ein Vertriebsvertrag für ein EU-Land bekommt automatisch die Klauselvariante, die dort gilt.
Dazu kommt die Schwelle. Bis zu einem definierten Auftragswert erzeugt die Fachabteilung selbst, darüber greift die Vorlage auf eine Freigabe zu. Diese Logik lässt sich in die Vorlage einbauen, statt sie in eine Richtlinie zu schreiben, die niemand liest.
Der entscheidende Punkt ist, dass die KI dabei nicht verschwindet. Sie darf helfen, und zwar an den Stellen, an denen sie hilft: die passende Vorlage finden, wenn jemand in eigenen Worten beschreibt, was er braucht, den Fragenkatalog aus einer bestehenden Akte oder einem Mailverlauf befüllen, einzelne Angaben ergänzen. Was sie nicht darf, ist den Klauseltext frei erfinden.
Wie das technisch funktioniert
Damit das trägt, muss das Dokument regelbasiert entstehen. Ein Prompt legt eine Ausgabe nicht fest, er beeinflusst sie nur. Erst eine hinterlegte Vorlage garantiert den Wortlaut. Warum das so ist, haben wir in Deterministische KI: Gibt es das überhaupt? ausführlich beschrieben.
In Lawlift läuft das über zwei Zugänge. Im Word Add-In arbeiten Nutzerinnen und Nutzer dort weiter, wo sie ohnehin sind: Vorlage per Beschreibung finden, Fragenkatalog ausfüllen, Dokument erzeugen. Dabei kann die KI einen unstrukturierten Datensatz wie eine E-Mail-Korrespondenz, eine PDF- oder Word-Datei oder auch Bilder auslesen und den Fragenkatalog daraus beantworten. Der Nutzer prüft die Ergebnisse und drückt am Ende auf „Dokument generieren“. Anschließend wird das Dokument mit allen freigegebenen Klauseln und dem richtigen Layout erstellt.
Der zweite Zugang führt über das Model Context Protocol in MCP-fähige Chat-Anwendungen. Damit erreichen Sie genau die Kollegen, die sonst zum freien Chat greifen würden. Sie arbeiten weiter im Chat, suchen dort die Vorlage, lassen den Fragenkatalog aus der Akte befüllen und prüfen das Ergebnis. Das erzeugte Dokument kommt fertig formatiert heraus, mit den freigegebenen Klauseln.
Der Unterschied zum freien Chat ist von außen kaum sichtbar und in der Sache erheblich. Der Mitarbeiter erlebt dieselbe Geschwindigkeit. Das Unternehmen behält die Kontrolle über den Klauselbestand.
Ein pragmatischer Einstieg
Führen Sie zuerst eine kurze Bestandsaufnahme durch: Welche Verträge entstehen außerhalb von Legal, und für welche davon existiert keine Vorlage? Die Schnittmenge ist Ihr Risikobereich, und sie ist meistens kleiner als befürchtet.
Priorisieren Sie danach nach Nachwirkung, nicht nach Menge. Ein Handelsvertretervertrag im Jahr wiegt schwerer als hundert Standardbestellungen.
Bauen Sie für die priorisierten Fälle Vorlagen mit Fragenkatalog. KI-gestütztes Templating beschleunigt das erheblich, weil variable Stellen, Bedingungen und Wiederholungen aus einem vorhandenen Vertrag automatisch erkannt und vorgeschlagen werden. Ein Aufbau, der früher Wochen dauerte, ist an einem Nachmittag machbar.
Und machen Sie den Zugang sichtbar. Eine Vorlage, die niemand findet, ist keine Vorlage. Wie sich das für eine Rechtsabteilung aufsetzen lässt, zeigt unsere Seite für Rechtsabteilungen.